089 — interview

»089« ist die bachelor-arbeit von → natalie potulski am fachbereich design der fh dortmund. mit ihrem magazin wollte die grafikerin aus hagen »ihren« stadtteil wehringhausen als ort und als mythos genauer unter die lupe nehmen. finanziert mit fördermitteln aus dem projekt »soziale stadt wehringhausen« konnte ihre arbeit 2.500 mal gedruckt und im stadtteil kostenlos verteilt werden. in natalies heft sind wir mit einem interview vertreten, das unsere arbeit rund ums »kreativ.quartier wehringhausen« näher erläutert:

am 8. september 2017 habt ihr in einer gemeinschaftlichen siebdruckaktion den wehringhausen-codex auf papier gebracht. gleichzeitig fand auf dem wilhelmsplatz das »trommeln für wehringhausen« statt, wo der codex auch offiziell vorgestellt wurde. für diejenigen, die den wehringhausen-codex nicht kennen, was sagt er aus?

der wehringhausen-codex ist die absicht, sich gemeinsam mit möglichst vielen menschen im viertel an der grundlage für ein »kreativ-quartier wehringhausen« zu beteiligen. er formuliert werte für ein quartier, das sich selbst weitgehend als alternativer stadtteil versteht, und das von außen seit vielen jahren als alternativer stadtteil wahrgenommen wird. die zentralen aussagen des textes sind toleranz, gemeinschaft und die eigenart, der zukunft mit zuversicht zu begegnen.

die siebdruck-aktion, die du ansprichst, war einer von vielen programm-punkten, die der verein »wir in wehringhausen« für die veröffentlichung des wehinghausen-codex in form eines kleines stadtteilfestes organisiert hatte. dabei ging es den initiatoren darum, die worte des wehringhausen-codex in die tat umzusetzen: kunst und musik werden im wehringhausen-codex als primäre sprache des viertels beschrieben.

man könnte sagen, der codex ist eine art manifest der grundsätzlichen aspekte des miteinanders in wehringhausen. wer war an der entwicklung beteiligt und warum schien es so wichtig, den codex ins leben zu rufen?

der vorschlag, für die entwicklung des stadtteils als »kreativ-quartier« eine art werte-kanon zu erarbeiten, kam von uns; die umsetzung entstand in einer arbeitsgruppe, die sich mit dem »leitbild« für wehringhausen beschäftigt und sich aus menschen mit ganz unterschiedlichem background im viertel zusammengesetzt hat. am besten holen wir zur erklärung etwas weiter aus: seinen ursprung hat das ganze im »integrierten handlungskonzept«, das 2008 im auftrag der stadt hagen erarbeitet wurde, und das aufgrund von vorgefundenen potenzialen die entwicklung von wehringhausen als sogenanntes »kreativ-quartier«empfiehlt. auf diesem »ihk« fußt das projekt »soziale stadt wehringhausen«, mit dem seit 2013 fördermittel für die aufwertung des stadtteils nach hagen geholt werden konnten. in diesem rahmen wurde auch ein quartiersmanagement in wehringhausen installiert, das von anfang an in richtung »kreativ-quartier« gearbeitet hat. weil wir den aufbau von »kreativ-quartieren« aus witten und dortmund kennen, und weil wir selbst als sogenannte »kreative« in wehringhausen arbeiten, haben wir den prozess von anfang an interessiert beobachtet und uns zu beginn sehr kritisch dazu geäußert. denn im vergleich mit den umliegenden »kreativ-quartieren« kann wehringhausen nicht so einfach mithalten, weil es im sinne der gängigen vorstellungen von solchen vierteln nichts zu bieten hat. man findet in wehringhausen halt kein chiques hipster-flair, im gegenteil — nicht selten ist es hier sogar gewaltig unappetittlich. das macht den stadtteil aber nicht weniger innovativ und auch nicht weniger kreativ. man kann sogar behaupten, dass wehringhausen bereits ein »kreativ-quartier« war, bevor man auf die idee kam, mit diesem begriff bestimmte stadtteile zu bewerben: seit jahrzehnten existiert in wehringhausen eine »szene«, die formen von kunst und subkultur hervorbringt und immer an dem interessiert ist, was eben nicht nach »mainstream« klingt — und dass lässt sich mit dem begriff »kreativität« genau so gut beschreiben wie ein viertel voller hipster-boutiquen. unser gedanke dazu ist folgender: wenn eine solche »kreative situation« über einen so langen zeitraum gegeben ist, wie das in wehringhausen der fall ist, dann muss die grundlage, auf der diese kreativität wachsen und gedeihen kann, in allen schichten des stadtteils verankert sein. es muss gemeinsame werte geben, die die unterschiedlichen menschen des viertels verbindet. diese werte wurden mit dem wehringhausen-codex verhandelt und formuliert. er schafft die möglichkeit, dass ein »kreativ-quartier wehringhausen« nicht nur von einem kleinen »kreativen kreis«, sondern vom großteil der menschen im stadtteil getragen werden kann. aus diesem grund halten wir den wehringhausen-codex für die entwicklung des stadtteils in richtung »kreativ-quartier« für außerordentlich wichtig.

wehringhausen hat den ruf, ein viertel der künstler, kreativen und musiker zu sein. würdet ihr das auch so sehen und was macht für euch das besondere an diesem stadtteil aus?

im kontext der »kreativ-quartiere« beschreiben wir wehringhausen eher als ein viertel der »lebenskünstler«, und meinen damit ein viertel der menschen, die das privat- und zusammenleben anders gestalten wollen, als es vielleicht die »breite masse« tut. dabei ist »musik« offenbar der motor, der wehringhausen immer wieder bewegt — was seit nun mehr vier jahrzehnten an kompromisslosen bands aus dem stadtteil kommt, ist wirklich bemerkenswert! es scheint beinahe selbstverständlich, dass man in wehringhausen alles, was man hat, in die musik steckt, tonträger (zum teil in eigenregie) produziert und in der ganzen republik (zum teil sogar weltweit) konzerte spielt. dabei wird »erfolg« offensichtlich vollkommen eigenständig definiert, denn im konventionellen, sprich wirtschaftlichen sinne, sind die wenigsten wehringhauser musiker »erfolgreich«. es scheint, als geht es in wehringhausen vielmehr darum, ein stück realität zu schaffen, das den eigenen vorstellungen von kultur mehr entspricht als das, was man gemeinhin kaufen kann. in diesem »counter-culture-umfeld« konnten andere ideen realisiert werden, die einem heute vielleicht ganz gewöhnlich vorkommen, vor 40 jahren aber alles andere als gewöhnlich waren, beispielsweise der wehinghauser bio-laden. hier liegt aus unserer sicht wehringhausens große stärke in den bemühungem, ein »kreativ-quartier« zu sein: werhinghausen ist ein progressiver ort, der subkulturen bereits seit vielen jahren fördert. und das können die umliegenden »kreativ-quartiere« eben nicht von sich behaupten.

zurück zur siebdruckaktion: ihr hättet den druck der plakate auch von einer druckerei umsetzen lassen können. warum habt ihr euch dafür entschieden, die plakate bei einer aktion in handarbeit zu bedrucken?

in allem, was wir rund um das thema »kreativ-quartier wehringhausen« tun, bemühen wir uns, möglichst wenige marketing-instrumente für den stadtteil bedienen zu müssen. vielmehr wollen wir eine situation schaffen, die die menschen im viertel selbst für wehringhausen zu wort kommen lässt. als uns der verein »wir in wehringhausen« angefragt hatte, plakate und faltblätter mit unterschiedlichen übersetzungen des »werhinghausen-codex« zu entwerfen, schlugen wir deshalb vor, den gestaltungs- und produktionsprozess zu öffnen. so kamen wir dazu, die bildmotive für die drucksachen gemeinsam mit kindern der wehringhauser grundschulen (wenn man schon über die zukunft des stadtteils spricht, sollte man auch mit der zukunft des stadtteils sprechen, oder?!) zu entwerfen, und zur produktion der plakate als offene siebdruck-aktion alle interessierten in wehringhausen einzuladen. denn wenn der »wehringhausen-codex« im stadtteil plakatiert wird, ist das eine form von gestaltung des öffentlichen raums. und wir fanden es wichtig, den menschen im viertel anzubieten, sich an der gestaltung dieses kleinen stücks öffentlichkeit zu beteiligen.

rückblickend betrachtet: war die siebdruckaktion für euch ein erfolg, und wenn ja, warum?

auf jeden fall! allein die druckaktion als solche erwies sich aus unserer sicht als absoluter erfolg. es gab an diesem nachmittag einen moment, in dem uns das sehr eindrucksvoll bewusst wurde: ein musiker-duo (gitarre und saxophon), das wetterbedingt nicht wie geplant auf dem wilhelmsplatz auftreten konnte, spielte kurzerhand in den räumlichkeiten der »kultur-oase«, wo unsere siebdruck-aktion stattfand. das ladenlokal war für eine zeit voll mit menschen unterschiedlichster herkunft und altersgruppen, die gemeinsam tanzten, sangen und siebdruckten. in diesem moment hat der stadtteil bewiesen, dass jedes wort, das er im »wehringhausen-codex« von sich selbst behauptet hatte, wahr ist — einfach unglaublich!

ihr engagiert euch auf vielfältige weise für den stadtteil. ein beispiel dafür ist der wehringhauser soli-beutel, dessen erlöse komplett in ein bildungsprojekt für hagener flüchtlinge geflossen sind. wie seht ihr eure rolle als gestalter im stadtteil und die damit verbundene verantwortung?

design ist gleichzeitig ausdruck von und impuls für kultur, und somit weit mehr als eine ästhetische angelegenheit. weil design immer in der öffentlichkeit stattfindet, nimmt es einfluß auf die welt, in der wir leben, und auf diese, in der wir leben werden. design besitzt also politische und pädagogische ebenen, und deshalb ist die frage nach »gutem design« für uns eng mit der frage nach »verantwortung« verwoben. »gutes design« verhält sich unserer meinung nach verantwortungsbewusst gegenüber dem projekt, seinem auftraggeber und unserer gesellschaft. wir nehmen diesen aspekt von gestaltung sehr ernst, nicht nur (aber selbstverständlich auch) bei unserer arbeit fürs »kreativ-quartier wehringhausen«.

ganz allgemein halten wir es für wichtig, sich mit seinen möglichkeiten an der entwicklung der eigenen umgebung zu beteiligen. und in unserem fall ist die eigene umgebung eben hagen-wehringhausen. wir engagieren uns beispielsweise im lenkungskreis des projekts »soziale stadt« und hoffen, dass wir die diskussionen und prozesse mit unserer perspektive als designer bereichern können. im vorderen teil unseres ladenlokals, das sich mitten in »downtown wehringhausen« befindet, versuchen wir, recht regelmäßig ausstellungen unterschiedlichster art zu zeigen. das gelingt uns nicht immer, weil die organisation der ausstellungen viel zeit in anspruch nimmt, die uns häufig (und ganz besonders momentan) einfach fehlt.

beim »wehringhauser soli-beutel« hatten wir den stadtteil ehrlich gesagt nicht vorrangig im blick. es ging uns (gemeinsam mit einem befreundeten wehringhauser textil-fachmann) bei der aktion darum, den menschen, die nach ihrer flucht in hagen ankommen, ein positives signal senden und mit spendengeldern ganz konkret helfen zu können. da wir wehringhausen als offenen und hilfsbereiten ort kennen, haben wir die menschen im viertel mit dem »soli-beutel« um unterstützung gebeten. dass die aktion so viel positive resonanz erzeugt hat (wir haben den beutel drei mal nachdrucken müssen und konnten so insgesamt über 2.000 euro an spendengeldern sammeln), hat uns selbst überrascht und gezeigt, wie dankbar die menschen in wehringhausen für etwas »identitätsstiftendes« sind.

stichwort »veränderung«: veränderungen sind unvermeidbarer und auch wichtiger bestandteil unseres lebens. veränderungen können ängste auslösen aber auch spannend sein. wie seht ihr die entwicklung des stadtteils?

in wehringhausen wurde vor einiger zeit eine unheimliche verunsicherung spürbar, die wir alamierend fanden. plötzlich schienen menschen, die sich immer für den stadtteil eingesetzt hatten, am sinn ihres engagements zu zweifeln. es ist ja auch nicht so, als wäre wehringhausen frei von problemen, ganz im gegenteil — es gibt hier jede menge zu tun! dass einem da die puste ausgehen kann, können wir gut verstehen. doch zum glück war diese phase nur von kurzer dauer, und inzwischen erscheint wehringhausen aufbruchbereit wie eh und je. wir glauben also fest daran, dass die entwicklungen im viertel in die richtige richtung gehen.

prinzipiell teilen wir herbert a. simons definition von design von 1968: »everyone designs who devices courses of action aimed at changing existing situations into preferred ones.« wir sehen »veränderung« also als grundlage jeglicher form von gestaltung, und wir betrachten sie als »fortschritt« grundsätzlich positiv.

was würdet ihr dem leser abschließend mit auf den weg geben?

don’t take it easy.