ansichtssachen — ausstellung historischer postkarten aus hagen-wehringhausen

ausstellung vom 23. august bis zum 14. november 2015

Die Ausstellung »Ansichtssachen« war ein gemeinschaftliches Projekt von Dr. Eva-Maria Lessinger, Alexander Niehaus und a design collective. Wegweisend für unsere Konzeption war der Wunsch, die vielfältige Materialität von überkommenen Kommunikationsformen am Beispiel der Ansichtskarte zu zeigen. Darüber hinaus glauben wir, dass die gezeigten Ansichtskarten zur gesteigerten Wertschätzung des Stadtteils Wehringhausen beitragen konnten. Sie geben ein Beispiel dafür, wie sich das Viertel vor mehr als 100 Jahren selbst erfunden und selbstbewusst ins Bild gesetzt hat. Wir danken dem Ansichtskartensammler und -experten Jürgen Fröhlich, der den Grundstock der gezeigten Motive zusammengetragen hat, sowie Martin Völlmecke für weitere Exponate.

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1. Statusmeldung mit Bild

5. März 1913 Herr August schreibt seiner lieben Minna nach Detmold. Unterwegs von Hagen nach Duisburg bleibt ihm nur kurze Zeit für eine schnelle Postkarte. Er sendet Grüße und Küsse. Die Rückseite seiner Nachricht präsentiert die gerade erst erbaute Pauluskirche mit ihrem prächtigen Vorplatz, umgeben von frisch gepflanzten Bäumen und noch unbebauten Wiesen und Freiflächen.

10. Mai 1922 Der Handlungsreisende Otto Johannsen schreibt seinem Frankfurter Freund Emil Ungerer eine Ansichtskarte vom Wilhelmsplatz. Das Bildmotiv gewährt den Blick auf den großzügig gestalteten Wilhelmsplatz, der von herbstlichen Bäumen und den stattlichen historistischen Fassaden der Häuser umsäumt wird. Der Absender berichtet vom guten Wetter auf seiner Geschäftsreise und kündigt seine Schiffspassage nach New York Ende August an.

10. Mai 1988 An Christa Müller in Dortmund gehen Grüße vom Kaiser-Friedrich-Turm. Der Absender lobt die herrliche Ruhe am »drögen Pinn« und die gute Luft, die er nebst Kaffee und Kuchen dort genossen hat.

Handschriftlich versehen mit solch kleinen Alltagsgeschichten und vielen Grüßen an die werten Empfänger haben die hier ausgestellten Ansichtskarten einst Hagen verlassen – einige vor mehr als hundert Jahren. Nun sind sie zurückgekehrt in die Stadt ihrer ehemaligen Absender und zeugen nicht nur von dem Leben der Menschen in längst vergangenen Zeiten, sondern spiegeln auch facettenreich die Geschichte des Stadtteils Hagen-Wehringhausen. Denn das Medium, das heute gemeinhin als »Postkarte« bezeichnet wird, kam zur vorletzten Jahrhundertwende – just zur Gründungszeit des urbanen Wehringhausens – ganz groß in Mode.

2. Weltweite Kommunikationsnetze

Die als »Correspondenzkarte« seit 1870 weltweit postalisch standardisierte Form der offenen kurzen Nachricht wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Bildmedium »Ansichtskarte«, als durch Fortschritte der Photographie und Reproduktionstechnik detaillierte Stadtlandschaften und alltägliche Straßenszenen einfach, schnell und massenhaft produziert werden konnten. Immer mehr Bildmedien illustrierten von nun an den Alltag und forcierten die massenhafte Vorliebe für solche Motive. Lange Zeit bot die Ansichtskarte mit ihren kurzen, zwang- und formlosen Mitteilungen eine attraktive Alternative zur teureren ausführlicheren Briefform. Die von Zeitgenossen als »Ansichtskartenmanie« bezeichnete Hochkonjunktur solcher illustrierten Kurzmitteilungen in der wilhelminischen Kaiserzeit fällt genau in die Blütephase des aufstrebenden Wehringhausen – eines Stadtviertels, das sich um die Jahrhundertwende vom ländlich geprägten Siedlungsflecken zum historistisch herausgeputzten Industriestandort wandelt.

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3. Ware und Wahrzeichen

Das neu entstandene Gewerbe der Ansichtskartenverlage siedelt sich in Hagen und Umgebung (Schalksmühle, Dortmund, Elberfeld) an und verbreitet das Bild des jungen Stadtteils mit seinen frisch errichteten Prachtstraßen und neuen Wahrzeichen. Der Dreikaiserbrunnen, Stadtgarten, Bismarckturm und die zum Flanieren einladenden Einkaufszeilen an den Verkehrsadern Wehringhauser Straße, Lange Straße und Buscheystraße sind in jener Zeit die bildlichen Belege für die prosperierende Stadt und den Repräsentationswillen des aufstrebenden Hagener Bürgertums. Die Motive der Postkarten zeigen bereits zur Jahrhundertwende ein kontrastierendes Städtebild aus grünen Oasen, neu geschaffener Architektur und Industrielandschaft.
Die in der Hochphase des Ansichtskartenbooms vor dem 1. Weltkrieg etablierten Bildthemen bleiben bis in die 1980er Jahre aktuell und werden in immer neuen Anordnungen und typographischer Variation dem jeweiligen Zeitgeist ästhetisch angepasst. Zudem führte die Konkurrenz der Verlage zum Wettkampf um die attraktivsten Bilder und perfektesten Reproduktionstechniken. Bis in die 1950er Jahre werden die dazu verwendeten Druckverfahren immer weiter verfeinert.

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4. Medienwandel

Mit der zunehmenden Verbreitung des Telefons wandelte sich die Funktion der Ansichtskarte. Kurze Urlaubsgrüße aus immer entfernteren Zielen verdrängten seit den 1960er Jahren die vormalige Dominanz der Alltagsmeldung vom Wochenendausflug in die nahe Umgebung. 2015 feiert die Deutsche Post den 145. Geburtstag der Postkarte werbewirksam verbunden mit dem Aufruf, mal wieder eine Ansichtskarte zu versenden. Doch die Materialität und Einmaligkeit der individuell beschrifteten Karte scheint heute beinah gänzlich den flüchtigen digitalen Nachrichtensystemen gewichen zu sein, zu deren wichtigsten Merkmalen die langfristige Spurlosigkeit zählt. Zeitgemäße Ansichtskarten mit aktuellen Wahrzeichen aus Wehringhausen sind nirgends zu sehen. Solche Post ist still geworden.

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6. Literatur

Flade, Antje (Hg.) (2015): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Hannavy, John (2008): Encyclopedia of nineteenth-century photography. New York, NY: Routledge.

Holzheid, Anett (2011): Das Medium Postkarte. Eine sprachwissenschaftliche und medien-geschichtliche Studie. s. l.: Erich Schmidt Verlag (Philologische Studien und Quellen, Heft 231).

Lichte, Hilde; Hoffmann, Roland (2006): Max C. Kettling aus Schalksmühle. (1883–1960); ein Fotograf aus dem Märkischen Sauerland; seine Frühphase 1905 bis 1918. Unter Mitarbeit von Max C. Kettling. Schalksmühle: Pomaska-Brand.

Müller, Susanne (2015): Die Großstadt abbilden. In: Antje Flade (Hg.): Stadt und Gesellschaft im Fokus aktueller Stadtforschung: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 259–289.

Walter, Karin (1995): Postkarte und Fotografie. Studien zur Massenbild-Produktion. Würzburg, München: Bayerische Blätter für Volkskunde; Bayerisches Nationalmuseum.