tat’n’drang — interview

→ »tat’n’drang« ist die bachelor-arbeit von dominik klimat am fachbereich design der fh dortmund. mit seinem »magazin für menschen mit herzblut und visionen« möchte der junge grafiker die sogenannte »d.i.y.-szene« im ruhrgebiet sichtbar machen und vernetzen. und obwohl wir uns selbst das label »d.i.y.« nicht anstecken würden, haben wir uns aufrichtig gefreut, als uns dominik im frühjahr 2016 für seinen prototypen um ein interview bat. hier ist das ergebnis:

2014 habt ihr euch als »a design collective« zusammengeschlossen und ein »atelier für visuelle kommunikation« in hagen-wehringhausen aufgemacht — in einem stadtteil, der dafür bekannt ist, sozial schwächer und vernachlässigt zu sein. warum habt ihr euch dazu entschieden, im ruhrgebiet zu bleiben?

2014 haben wir beschlossen, feste zusammenzuarbeiten. wir kennen uns bereits seit dem studium am fachbereich design in dortmund, wo wir eine ganze zeit lang gemeinsam die hauseigene siebdruck-werkstatt betreut haben. und weil wir schon damals gemerkt hatten, dass wir uns ganz gut ergänzen und vor allem für uns wichtige ansichten teilen, war der entschluss zum kollektiv keine schwere entscheidung. dass wir 2015 unsere zelte ganz offiziell in wehringhausen aufgeschlagen haben, kam eher zufällig. sebastian wohnt dort schon seit jahren und wir haben bis dahin meistens bei ihm zu hause gearbeitet. dann ergaben sich tolle möglichkeiten rund um das ladenlokal, in dem wir nun sitzen, und so kam eins zum anderen.

wir denken nicht, dass wehringhausen in erster linie dafür bekannt ist, sozial schwächer und vernachlässigt zu sein — obwohl wehringhausen ganz gewiss nicht frei von problemen ist. aus unserer sicht zehrt der stadtteil aber immer noch enorm von seiner aktiven vergangenheit, als der volxmund gern von »wehrdichhausen« sprach und dein tankwart dir am montag seine neue maxi-single vorgespielt hat. in wehringhausen fegt halt seit den 1970er jahren der geist der gegenkultur mit all seinen artefakten mal mehr, mal weniger durch die straßen. und das ist durchaus ein sehr gutes pflaster für sogenannte »kreative«. mit der ganzen historischen bausubstanz und dem bezahlbaren wohnraum in wehringhausen wundert es uns, dass nicht viel mehr junge leute hierherkommen und ihre ideen realisieren. aber es gibt halt verschiedene gründe, warum hagen in punkto attraktivität nicht auf der sonnenseite steht.

die sozialen schwierigkeiten, die du ansprichst, findet man ja im prinzip nicht nur in hagen-wehringhausen, sondern im gesamten ruhrgebiet: erst kommt der weggang von großen arbeitgebern, dann die verringerung der bevölkerung und die verdichtung von armut in bestimmten bereichen und so weiter, und so weiter. damit sind wir hier ja alle ein stück weit aufgewachsen. wir sehen gerade in den trümmern der alten industrielandschaften die möglichkeit für die entwicklung von neuen, von anderen kulturen. und da die zwingend nötig sind, bleiben wir hier und arbeiten daran.

seid ihr in ortsbezogene projekte involviert? wenn ja, in welche und wie sehen die aus?

tatsächlich engagieren wir uns auf vielfältige weise in wehringhausen. allein mit den ausstellungen und projekten »vor ort« sorgen wir ja bereits für ein stückchen realität, das im stadtteil hoffentlich als positiver impuls betrachtet wird. außerdem arbeiten wir im lenkungskreis von »soziale stadt wehringhausen«. das ist der bürgerrat eines eu-projekts, das mit hilfe von öffentlichen subventionen lokale projekte initiiert und unterstützt. darüber fließen gerade eine menge fördergelder nach wehringhausen, vor allem für den umbau öffentlicher plätze und straßen. das alles passiert im planungsprozess mit beteiligung der bürger. auch dabei haben wir bis dato regelmäßig mitgewirkt.

ein ganz andere art von lokalem projekt war unser → »wehringhauser soli-beutel«. dabei haben wir zusamen mit einem örtlichen textildruck-fachmann eine jute-tasche entworfen, aus eigenen mitteln finanziert und im stadtteil vertrieben. das besondere war, dass man den soli-beutel nicht kaufen konnte, sondern als dankeschön für einen mindestspendenbeitrag erhalten hat. der gesamte umsatz kam einem bildungsprojekt für flüchtlinge in hagen zugute. die menschen haben sich immens mit der aktion identifiziert und gerade die möglichkeit, als signalhaftes zeichen für flüchtlingsarbeit zu spenden, war für viele der grund, eine oder sogar mehrere taschen mitzunehmen. am ende haben wir so weit über 2000 euro an spenden zusammen bekommen, die wir an das flüchtlingsprojekt übergeben konnten. ganz ehrlich: mit einer so großen resonanz hatten wir bei weitem nicht gerechnet. aber die zeit war wohl reif und das bedürfnis groß, als stadtteil ein zeichen für die solidarität zu setzen. darüber haben wir uns riesig gefreut.

wenn man euer büro betritt, befindet man sich zunächst in einem kleinen ausstellungsraum. was hat euch dazu bewegt und wie sahen die bisherigen ausstellungen aus?

die idee mit dem ausstellungsraum hatten unsere vermieter, die wir als festen teil unseres kollektivs betrachten. alexander und eva hatten das ladenlokal schon vor unserem einzug als galerie für alexanders foto-arbeiten genutzt. darüber haben wir uns kennengelernt; gute arbeit fällt in wehringhausen halt noch auf.

die erste ausstellung, die wir vier realisiert haben, hieß → »bilderflut«. das waren experimentelle siebdrucke, die im wöchentlichen wechsel gehängt wurden, sehr cool! danach kam mit → »ansichtssachen« eine ausstellung großformatiger repros von historischen postkarten aus wehringhausen. dabei waren uns nicht nur die alten motive wichtig, sondern vor allem die rückseiten der karten mit all ihren handschriften, poststempeln, briefmarken und den spuren des postwegs. dann folgte oliver kretschmann unserer einladung und zeigte in der ausstellung → »okno« seine wahnwitzigen experimente mit dem overhead-projektor. in den dunklen wintermonaten versorgte er durch unser schaufenster die lange straße mit lichtkunst, was besonders gut wurde, wenn er live auf dem projektor gearbeitet hat. aktuell zeigen wir → »multiple-objekte« von harald mante. harald mante ist bauhausschüler in zweiter generation, ein außergewöhnlicher lehrer und ein fantastischer fotograf. wir freuen uns sehr, dass er bei uns ausstellt! »multiple-objekte« ist eine frühe werkreihe von harald mante aus den 1970er jahren, die damals unter anderem in hamburg, berlin, köln, wuppertal und dortmund gezeigt wurde. sie ist bei uns noch bis zum 20. august zu sehen.

was als nächstes kommt, wissen wir noch nicht genau.

gab es in eurer jugend oder studienzeit gesellschaftliche bewegungen oder denkweisen, die euch beide geprägt haben?

absolut! wir haben beide unsere wurzeln in den sub-, pop- und gegenkulturen dieser welt, allen voran punk. wenn man in einem umfeld groß wird, das seine eigenen bands, seine eigenen konzerte, seine eigenen platten und fanzines hervorbringt, dann weiß man, dass die wirklichkeit immer das ist, was man daraus macht. im studium haben wir uns oft gewundert, dass diese grundlegende eigenschaft von gestaltung nur selten thematisiert wird.

gibt es auch bestimmte gestalter oder arbeiten, durch die ihr nachhaltig beeinflusst seid? wenn ja, welche sind das?

wir haben das große glück gehabt, dass wir im grundstudium an zwei sehr, sehr gute lehrer geraten sind, denen unsere auffassung von design einiges zu verdanken hat. das macht xuyen dam und ben santo wohl zu einer art grundstein auf unserem weg als »professionelle« designer. ansonsten wurde unser enthusiasmus für design durch die arbeit von ganz unterschiedlichen persönlichkeiten und gruppen angeheizt, darunter william morris, josef müller-brockmann, lars müller, yoko ono, karl ernst osthaus, print mafia, dieter rams, paul rand, jamie reid, jay »the bird machine« ryan, the san francisco five, the sex pistols, die situationistische internationale, anton stankowski, massimo vignelli, andy warhol, otl aicher, john baldessari, saul bass, the beatles, max bill, robert brownjohn, barney bubbles, lucius burckhardt, art chantry, billy childish, dada, experimental jetset, bob gill, karl gerstner, richard hamilton, stefan kanchev, corita kent, hans rudolf lutz und karl marx.

könnt ihr eure auffassung von guter gestaltung und das, was euer kollektiv ausmacht, beschreiben?

als wir beschlossen haben, gemeinsam zu arbeiten, haben wir uns als erstes hingesetzt und unsere grundsätze formuliert. so ist → »a design manifesto« entstanden, unser eigenes manifest. als wesentliche eigenschaften von guter gestaltung beschreiben wir darin sozialer nutzen, nachhaltigkeit und demokratische teilhabe. wenn wir uns kurz halten müssten, würden wir sagen, dass design immer engagement und gutes design engagement für die richtige sache ist.

unsere absicht ist es, durch unsere arbeit das bestehende zu verbessern — oder durch unsere arbeit zumindest nicht daran beteiligt zu sein, es zu verschlechtern. denn das geht auch im grafik-design leider ganz leicht ganz schnell. man muss sich nur mal ansehen, was einen jeden tag umgibt: grafik-designer fördern wie selbstverständlich vulgäre umgangsformen, die unsere umwelt nicht nur visuell verschmutzen. wir halten es für richtig, sensibel und respektvoll mit unseren mitmenschen umzugehen. dementsprechend erwarten wir von grafik-design, dass es orientierung schafft und keine verwirrung stiftet, dass es kommunikationsdesign ist und kein manipulationsdesign.

ihr habt während des studiums zusammen in der siebdruckwerkstatt der hochschule gearbeitet. das druckverfahren zeichnet sich vor allem durch seine experimentellen gestaltungsmöglichkeiten wie z.b. farbabstufungen / -verläufe durch rasterungen, überducken / überlagerungen von farben und verschiedenene arten der filmerstellung aus. hat das eure gestaltungsweise verändert?

ganz klar, das arbeiten mit den möglichkeiten und einschränkungen des siebdrucks sind wertvolle erfahrungen und die horizonte, die sich bei jedem neuen projekt eröffnen, sind gewaltig. und man kann wohl nur im umgang mit richtigem material, mit farbe, papier usw., lernen, was grafik-design eigentlich bedeutet. wir haben aber beide schon vor dem studium eher analog als digital gearbeitet, besonders florian in seinen illustrationen. deshalb würden wir sagen, dass der siebdruck unsere gestaltungsweise nicht verändert, aber enorm erweitert hat.

wolltet ihr beruflich schon immer selbstständig sein oder hat euch erst ein bestimmter moment oder ein ereignis in eurem (berufs-)leben dazu gebracht?

wir wollten nie etwas anderes als selbstständig sein. wir haben eine ziemlich spezielle, wahrscheinlich ideale vorstellung von dem, was wir als grafik-designer machen wollen. diese vorstellungen lassen sich schwer bis gar nicht mit der arbeit in rein kommerziell- und wettbewerbsorientierten agenturen vereinbaren. um es mal ganz drastisch auszudrücken: bevor wir in irgendeiner medienagentur das ettikett für das nächste, unglaublich neue und sinnlose joghurtprodukt eines großen molkereikonzerns (oder gar die neue imagekampagne für die bundeswehr) entwerfen müssten, würden wir beide wohl vorher den beruf wechseln. deshalb erscheint es uns logisch, dass wir unseren eigenen weg mit unserem eigenen büro nach unseren eigenen maßstäben versuchen. bis jetzt klappt das gut.

was bedeutet für euch der begriff d.i.y. und welche rolle spielt er heute in eurem arbeitsalltag?

in der art, wie du den begriff verwendest, ist unser ganzes kollektiv eine art »d.i.y.-projekt«. viele unserer möbel haben wir — mit der grandiosen hilfe von unserem kumpel t-base — aus recyclingmaterial selbst hergestellt; auch bei unseren ausstellungen kümmern wir uns um alles selbst. das heißt, dass die gestaltung, der druck, die werbung, die hängung, die betreuung und alles andere von uns organisiert und finanziert wird. wir verfolgen mit den ausstellungen kein wirtschaftliches interesse, sondern wollen für uns und unsere umgebung schlicht die dinge realisieren, die wir für richtig halten. hin und wieder nehmen wir auch aufträge an, mit deren budgets wir gerade die unkosten decken können. wir tun das, wenn wir das gefühl haben, dass es ein projekt unbedingt wert ist. solche arbeiten sind meistens selbst »d.i.y.-projekte«, in die alle beteiligten viel herzblut investieren.

»d.i.y.« hin oder her — es geht doch immer nur darum, welche handlungsspielräume und gestaltungsmöglichkeiten man nutzt und welche man ungenutzt lässt.

wie motiviert ihr euch, euer ding durchzuziehen? was könnt ihr angehenden gestaltern ans herz legen, um den eigenen weg zu finden?

don’t take it easy.

herzlichen dank für eure zeit und worte.